Rezension von „Martyrium und Mission im Kontext“ von Christof Sauer

25. Juni 2021 10:40Matthias Adt

Rezension von „Martyrium und Mission im Kontext“ von Christof Sauer

Mehrere Gründe machen dieses Buch aktuell. Mission war in Theologie und Kirche im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten kein besonders populäres Thema – und wo doch, wurde vor allem die Thematik Mission und/oder Dialog behandelt. Sauer setzt Mission in Beziehung zu Martyrium. Damit stellt er ein noch unpopuläreres Grund-Element des christlichen Glaubens vor: In den Medien finden Märtyrer ja am ehesten im Zusammenhang religiös motivierter Selbstmordattentäter Erwähnung – Grund genug, die Grundbedeutung in Erinnerung zu rufen: Nicht Aufopferung des Lebens, sondern Zeugenschaft. Dass Mission und Martyrium in diesem originalen Sinne wesentlich zusammengehören, ist in der westlichen Gesellschaft, die geprägt ist von christlichen Traditionen, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaat, weithin aus dem Blick geraten. Jedoch sind diese westlichen Werte alles andere als selbstverständlich. Der Missionsexperte Prof. Dr. Henning Wrogemann führt dies im Geleitwort aus. Darum entführt Sauer den Leser in geographische und theologische Kontexte, die diesen Zusammenhang teils drastisch vor Augen führen und dadurch westliche Theologie und Glaubenspraxis außerordentlich befruchten können. Die vier dargestellten Entwürfe repräsentieren verschiedene Kontinente und Konfessionen.

Aus Lateinamerika stammt der befreiungstheologisch geprägte Ansatz Jon Sobrinos aus El Salvador, der Martyrium vor allem als Folge von sozialpolitischem Engagement für Arme und Entrechtete in der Tradition der sozialkritischen Propheten des Alten Testaments sieht.

Aus Ägypten stammen die Erfahrungen der koptisch-orthodoxen Kirche in Jahrhunderte alter Minderheitensituation. Anba Juanis (Youannis) betont den eher zentripetalen als zentrifugalen Charakter von Mission. Martyrium gehört geradezu zu ihrer theologischen „DNA“.

Im dritten Entwurf geht es um die spannende Frage, welche Rolle Martyrium spielt im rasanten Wachstum der Christenheit in (Süd)Korea im letzten Jahrhundert. Young Kee Lee erkennt dabei im „instrumental suffering“ eine Missionsmethode Gottes.

Für den deutschen katholischen Theologen Paul-Werner Scheele schließlich gehört Martyrium zu den Kennzeichen der Kirche (notae ecclesiae) und resultiert aus der völligen Selbsthingabe Gottes. Scheele entfaltet dies kirchengeschichtlich und dogmatisch von Tertullians berühmtem Satz „Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche“ bis hin zu Leidensmystik und Heiligenverehrung, die ja eine besondere Form von Märtyrer-Gedenken darstellt.

Sauers Analyse und Kritik dieser vier Positionen und sein eigener Entwurf gründen in dem Kontext, in den die Botschaft der Bibel Mission und Martyrium stellt. Er nennt seine eigene Position „doxologisch-martyrologisch“, weil (im Gegensatz zum Buddhismus) Leiden keinen eigenen Sinn verfolge, sondern das alleinige Ziel habe, den drei-einigen Gott zu verherrlichen (doxa=Herrlichkeit). Leiden und Sterben von Jesus Christus sind weder ein Gedankenspiel noch letztlich erklärbar, sondern als einzigartiges historisches Faktum wahrzunehmen. Die biblische Interpretation des Kreuzes als Erlösungsgeschehen ist unaufgebbar. Der auferstandene Jesus lädt alle Menschen ein, ihm nachzufolgen – leidensbereit und gewaltfrei, schließt sie zu einer versöhnten Einheit zusammen und verleiht ihnen eine Hoffnung bis zu seiner Wiederkehr.

Sollen Christen Leiden anstreben oder einfach hinnehmen als Konsequenz der Christus-Nachfolge? Ist das Blut der Märtyrer tatsächlich immer Samen für Kirchenwachstum oder möglicherweise auch Grund für das Absterben? Solche Fragen werden reflektiert und differenziert beantwortet, aber auch weiterer Forschung und Reflexion anheimgestellt.

Die letzten 65 Seiten des Buches beschreiben konkrete praktische Konsequenzen, wie Theologie und Gemeinden mit Diskriminierung und Verfolgung von Christen und Martyrium umgehen könnten, z. B. mit einem „Ethik-Kodex für den Einsatz für Verfolgte“. Der Einsatz für Religionsfreiheit für alle(!) Menschen gehört dazu und wird theologisch und politisch begründet. Die einzige Grenze dabei besteht darin, nichts über die Köpfe Betroffener hinweg zu unternehmen.

Interessierte oder Gemeinde-Verantwortliche können auch ohne Lektüre des Gesamtwerks in diesem letzten Abschnitt viele Hinweise aufnehmen und umsetzen.

In seiner Habilitationsschrift holt Sauer, seit 2017 Professor für Religionsfreiheit und Erforschung der Christenverfolgung an der Freien Theologischen Hochschule Gießen, das Thema Martyrium zurück aufs akademische Parkett. Jedoch ist sie auch für Laien gut lesbar. Das ausführlich gegliederte Inhaltsverzeichnis und das Stichwortverzeichnis sind dabei sehr hilfreich.

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